Liverpool Street by Anne C. Voorhoeve

Liverpool Street by Anne C. Voorhoeve

Author:Anne C. Voorhoeve [Voorhoeve, Anne C.]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 9783473582969
Publisher: Ravensburger Buchverlag
Published: 2008-09-01T22:00:00+00:00


13

Je erfolgreicher der Krieg sich auf deutscher Seite gestaltete, desto feindseliger wurden die Blicke meiner Klassenkameraden. Noch im September fiel Warschau und marschierte die Rote Armee ebenfalls in Polen ein, Anfang Oktober drang die Nachricht von der endgültigen polnischen Kapitulation an unser Ohr. In Tail’s End waren es vor allem fünf Kinder, denen ich lieber aus dem Weg ging: vier Jungen und ein Mädchen namens Karen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aufgegeben, über das Warum nachzusinnen. In Deutschland war ich als Jüdin beschimpft worden, in England waren mir Menschen begegnet, denen ich nicht jüdisch genug war, und nun, da alle meine Verbindungen nach Deutschland gekappt waren, sollte ich plötzlich sein, was die Nazis mir mein Leben lang abgesprochen hatten: deutsch! Ich fragte mich, was Richard Graditz wohl dazu gesagt hätte. Wenn ich mir sein dummes Gesicht vorstellte, hätte er von meinem neuen Status gewusst, empfand ich fast so etwas wie Schadenfreude. Aber leider war dies auch das Einzige, was ich der Sache abgewinnen konnte.

Immerhin wagten meine neuen Mitschüler nicht, mich während des Unterrichts oder in Gegenwart von Mrs Collins zu behelligen. Es war der Weg nach Hause, auf dem ich mich in Acht nehmen musste, und je intensiver sich die Blicke meiner Klassenkameraden im Laufe des Oktobers auf mich richteten, desto dringlicher wurde mir bewusst, dass ich nach Unterrichtsende gut daran tat, gleich als Erste zu verschwinden.

Unser Unterricht fand mittlerweile in einem Nebenraum der Kirche statt, wo man Stühle und einige wenige Tische organisiert hatte. Meist saß ich neben Hazel, nach wie vor der Einzigen, die dazu bereit war; nur während einer Gasmaskenübung war ich einmal für zwei Stunden neben Emma gelandet, weil die mich nicht gleich erkannt hatte.

Der schon ziemlich zerbeulte Karton mit der Gasmaske schlenkerte auch an dem Tag vor meiner Brust, als meine Strategie zum ersten Mal nicht aufging: Mrs Collins hatte einen Klassenraumdienst eingeteilt, irgendwann musste es mich treffen und nachdem ich die Tafel gewischt, den Papierkorb geleert und die Stühle ordentlich hingestellt hatte, ahnte ich bereits, was mich erwartete, sobald ich den Kirchhof verließ. Die Fünf, wie ich sie im Stillen nannte, hockten auf dem Rand des Dorfbrunnens, hatten die Straße bis hinunter zur Weggabelung nach Tail’s Mews im Blick und brauchten nur zu warten, bis ich ihnen in die Arme lief.

Survival Plan, dachte ich … und war überrascht von meinem Zögern.

Denn es war ja beileibe nicht so, dass ich nicht schon den einen oder anderen Fluchtweg und dieses oder jenes Versteck auskundschaftet hatte! Mein geübtes Auge hatte Hecken und Holzstapel, Gruben und landwirtschaftliche Geräte im Vorübergehen ganz automatisch abgetastet, mein Gehirn die Informationen so begierig gespeichert, als wollte es mir zu verstehen geben: »Ich wusste, dass du meine speziellen Fähigkeiten eines Tages wieder brauchen würdest!«

Doch an diesem Nachmittag machte ich nicht einmal den Versuch zu entkommen. Statt der Verstecke, die ich in den letzten Wochen entdeckt hatte, war in meinem Kopf nur ein einziger Gedanke: Wenn du jetzt wieder wegläufst, wirst du nie mehr damit aufhören.

Die Fünf waren genauso überrascht wie ich, als ich geradewegs auf sie zumarschierte.



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